Der Mohn und meine Mutter

Wenn ich sie sehe, die Mohnblüten, hüpft mein Herz. Das war schon immer so. Die Blutroten hauen mich um, sie machen mich kindlich, ich rede mit ihnen, steige vom Velo, um sie anzuschauen und zu streicheln. Der Mohn ist immer in Bewegung, er ist so zart, so lieb, so neckisch, leicht, biegsam, frech, flüchtig. Mal steht einer fast allein in einem Kornfeld, leuchtet; dann hat’s ganz viele entlang einer Strasse, tanzend. Immer wieder die Blutroten zwischen den Helleren.

Meine Mutter sang mit und für mich und meine Brüder jeweils ein Mohnlied. Erst heute wird mir bewusst, was wir da gesungen haben.

Gentil coquelicot

J’ai descendu dans mon jardin
J’ai descendu dans mon jardin
Pour y cueillir du romarin.

Refrain
Gentil coquelicot mesdames
Gentil coquelicot nouveau.
Gentil coquelicot mesdames
Gentil coquelicot !

Je n’en avais pas cueilli trois brins
Je n’en avais pas cueilli trois brins
Qu’un rossignol vint sur ma main. – Als eine Nachtigall auf meine Hand kommt.

Il me dit trois mots en latin – Sie sagt mir drei Worte in Latein
Il me dit trois mots en latin
Que les hommes ne valent rien. – Die Männer sind nichts wert.

Que les hommes ne valent rien
Que les hommes ne valent rien
Et les garçons encore moins bien. – Die Buben noch weniger.

Des dames, il ne me dit rien
Des dames, il ne me dit rien – über die Frauen sagt sie nichts
Mais des demoiselles beaucoup de bien! – Aber über die jungen Mädchen viel Gutes!

Sie sang viele Lieder und kannte viele Blumen. Ich kenne sie auch, weil sie mit mir sang und mir die Blumen zeigte – immer wieder.

Und sie, meine Mutter? – Zurzeit weilt sie in der Reha.  Zuvor lag sie fast drei Wochen im Kantonsspital.  Sie war schon gebrechlich und ist durch einen Sturz gebrochen – die Knochen, nicht ihr Wesen.

Als sie so da lag in ihrem Spitalbett und kaum reden konnte von den Narkosen, habe ich gesungen. Ich habe mich an unsere Lieder erinnert – alle auf französisch. Die vergessen Strophen habe ich gegoogelt und vom Tablet gesungen. Anfangs musste fast ich heulen, weil ich so durcheinander war: die Sprache, die Erinnerungen, der Zustand meiner Mutter, die Angst, sie zu verlieren und das miese Gefühl, wenn ich denke, dass ich möchte, dass sie gehen kann, bevor sie total hilflos ist – sie, meine wilde Mutter, das ungezähmte Bauernmädchen.

Ihre Lippen bewegten sich, als ich sang. Die gesunde Hand gab ganz leicht den Takt an. Zwei Tage später sang sie mit, die Sprache noch etwas unklar, die Melodie perfekt – gestern waren wir schon ein richtig gutes Duo.

Samstag, 18. Juni 2016
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