Blumenkistchen in der DNA

Es ist Zeit, die Balkondekoration auf Winter umzustellen. Geranien raus, Calluna vulgaris rein. Dazu: gelbe Stiefmütterchen. Voilà! Calluna vulgaris? Das ist Bruyière, zu deutsch Heidekraut oder Erika. Für mich La Bruyère, weil meine Mutter französisch sprach. Früher holten meine Eltern diese selber, später Ueli, ich oder Ruedi. Nous allons à la Bruyère, im Frühling dann … Weiterlesen Blumenkistchen in der DNA

Ja, wie meine Mutter bin ich

Es ist unglaublich. Kaum bin ich vor dem Haus, zupfe ich Gras und Zeugs aus dem Kies, schaue nach meinen Salaten, Rösliköhls, den Himbeeren, Kürbissetzlingen, nasche eine Erbeere, schneide ein paar Zweige der Rebe zurück. Es kann sein, dass ich die Post im Briefkasten holen gehe, diese hinlege und erst eine Stunde später wieder ins … Weiterlesen Ja, wie meine Mutter bin ich

On s’aimera jusqu’au bout

Vor genau zwei Jahren hat mir meine Mutter gesagt: Wir werden uns bis zum Ende lieben. Auf französisch natürlich, sie war eine Romande: On s’aimera jusqu’au bout. Damit meinte sie: Bis ans Ende der Tage. Sie war sehr ernst und klar, am 17. März 2017, steht in meinem Tagebuch. Sie sagte, ich solle nicht weinen: … Weiterlesen On s’aimera jusqu’au bout

Der Mohn und meine Mutter

Wenn ich sie sehe, die Mohnblüten, hüpft mein Herz. Das war schon immer so. Die Blutroten hauen mich um, sie machen mich kindlich, ich rede mit ihnen, steige vom Velo, um sie anzuschauen und zu streicheln. Der Mohn ist immer in Bewegung, er ist so zart, so lieb, so neckisch, leicht, biegsam, frech, flüchtig. Mal steht einer fast allein in einem Kornfeld, leuchtet; dann hat’s ganz viele entlang einer Strasse, tanzend. Immer wieder die Blutroten zwischen den Helleren.

Meine Mutter sang mit und für mich und meine Brüder jeweils ein Mohnlied. Erst heute wird mir bewusst, was wir da gesungen haben.

Gentil coquelicot

J’ai descendu dans mon jardin
J’ai descendu dans mon jardin
Pour y cueillir du romarin.

Refrain
Gentil coquelicot mesdames
Gentil coquelicot nouveau.
Gentil coquelicot mesdames
Gentil coquelicot !

Je n’en avais pas cueilli trois brins
Je n’en avais pas cueilli trois brins
Qu’un rossignol vint sur ma main. – Als eine Nachtigall auf meine Hand kommt.

Il me dit trois mots en latin – Sie sagt mir drei Worte in Latein
Il me dit trois mots en latin
Que les hommes ne valent rien. – Die Männer sind nichts wert.

Que les hommes ne valent rien
Que les hommes ne valent rien
Et les garçons encore moins bien. – Die Buben noch weniger.

Des dames, il ne me dit rien
Des dames, il ne me dit rien – über die Frauen sagt sie nichts
Mais des demoiselles beaucoup de bien! – Aber über die jungen Mädchen viel Gutes!

Sie sang viele Lieder und kannte viele Blumen. Ich kenne sie auch, weil sie mit mir sang und mir die Blumen zeigte – immer wieder.

Und sie, meine Mutter? – Zurzeit weilt sie in der Reha.  Zuvor lag sie fast drei Wochen im Kantonsspital.  Sie war schon gebrechlich und ist durch einen Sturz gebrochen – die Knochen, nicht ihr Wesen.

Als sie so da lag in ihrem Spitalbett und kaum reden konnte von den Narkosen, habe ich gesungen. Ich habe mich an unsere Lieder erinnert – alle auf französisch. Die vergessen Strophen habe ich gegoogelt und vom Tablet gesungen. Anfangs musste fast ich heulen, weil ich so durcheinander war: die Sprache, die Erinnerungen, der Zustand meiner Mutter, die Angst, sie zu verlieren und das miese Gefühl, wenn ich denke, dass ich möchte, dass sie gehen kann, bevor sie total hilflos ist – sie, meine wilde Mutter, das ungezähmte Bauernmädchen.

Ihre Lippen bewegten sich, als ich sang. Die gesunde Hand gab ganz leicht den Takt an. Zwei Tage später sang sie mit, die Sprache noch etwas unklar, die Melodie perfekt – gestern waren wir schon ein richtig gutes Duo.

Samstag, 18. Juni 2016
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Heiss gewaschen

Seit Jahren habe ich wieder einmal eine Wäsche mit 95 Grad gewaschen – die Bettwäsche meiner Mutter! Es hat einiges gebraucht dies zu dürfen, und es ist klar: Bettwäsche kocht man, auch wenn ich das seit Jahrzehnten nicht mehr so getan habe. Sie gab mir die sauberen Sachen heraus, aus ihrem Schrank, der voller Vergangenheit … Weiterlesen Heiss gewaschen