Blumenkistchen in der DNA

Es ist Zeit, die Balkondekoration auf Winter umzustellen. Geranien raus, Calluna vulgaris rein. Dazu: gelbe Stiefmütterchen. Voilà! Calluna vulgaris? Das ist Bruyière, zu deutsch Heidekraut oder Erika. Für mich La Bruyère, weil meine Mutter französisch sprach. Früher holten meine Eltern diese selber, später Ueli, ich oder Ruedi. Nous allons à la Bruyère, im Frühling dann … Weiterlesen

Der Mohn und meine Mutter

Wenn ich sie sehe, die Mohnblüten, hüpft mein Herz. Das war schon immer so. Die Blutroten hauen mich um, sie machen mich kindlich, ich rede mit ihnen, steige vom Velo, um sie anzuschauen und zu streicheln. Der Mohn ist immer in Bewegung, er ist so zart, so lieb, so neckisch, leicht, biegsam, frech, flüchtig. Mal steht einer fast allein in einem Kornfeld, leuchtet; dann hat’s ganz viele entlang einer Strasse, tanzend. Immer wieder die Blutroten zwischen den Helleren.

Meine Mutter sang mit und für mich und meine Brüder jeweils ein Mohnlied. Erst heute wird mir bewusst, was wir da gesungen haben.

Gentil coquelicot

J’ai descendu dans mon jardin
J’ai descendu dans mon jardin
Pour y cueillir du romarin.

Refrain
Gentil coquelicot mesdames
Gentil coquelicot nouveau.
Gentil coquelicot mesdames
Gentil coquelicot !

Je n’en avais pas cueilli trois brins
Je n’en avais pas cueilli trois brins
Qu’un rossignol vint sur ma main. – Als eine Nachtigall auf meine Hand kommt.

Il me dit trois mots en latin – Sie sagt mir drei Worte in Latein
Il me dit trois mots en latin
Que les hommes ne valent rien. – Die Männer sind nichts wert.

Que les hommes ne valent rien
Que les hommes ne valent rien
Et les garçons encore moins bien. – Die Buben noch weniger.

Des dames, il ne me dit rien
Des dames, il ne me dit rien – über die Frauen sagt sie nichts
Mais des demoiselles beaucoup de bien! – Aber über die jungen Mädchen viel Gutes!

Sie sang viele Lieder und kannte viele Blumen. Ich kenne sie auch, weil sie mit mir sang und mir die Blumen zeigte – immer wieder.

Und sie, meine Mutter? – Zurzeit weilt sie in der Reha.  Zuvor lag sie fast drei Wochen im Kantonsspital.  Sie war schon gebrechlich und ist durch einen Sturz gebrochen – die Knochen, nicht ihr Wesen.

Als sie so da lag in ihrem Spitalbett und kaum reden konnte von den Narkosen, habe ich gesungen. Ich habe mich an unsere Lieder erinnert – alle auf französisch. Die vergessen Strophen habe ich gegoogelt und vom Tablet gesungen. Anfangs musste fast ich heulen, weil ich so durcheinander war: die Sprache, die Erinnerungen, der Zustand meiner Mutter, die Angst, sie zu verlieren und das miese Gefühl, wenn ich denke, dass ich möchte, dass sie gehen kann, bevor sie total hilflos ist – sie, meine wilde Mutter, das ungezähmte Bauernmädchen.

Ihre Lippen bewegten sich, als ich sang. Die gesunde Hand gab ganz leicht den Takt an. Zwei Tage später sang sie mit, die Sprache noch etwas unklar, die Melodie perfekt – gestern waren wir schon ein richtig gutes Duo.

Samstag, 18. Juni 2016

Heiss gewaschen

Seit Jahren habe ich wieder einmal eine Wäsche mit 95 Grad gewaschen – die Bettwäsche meiner Mutter! Es hat einiges gebraucht dies zu dürfen, und es ist klar: Bettwäsche kocht man, auch wenn ich das seit Jahrzehnten nicht mehr so getan habe.Sie gab mir die sauberen Sachen heraus, aus ihrem Schrank, der voller Vergangenheit steckte … Weiterlesen

Marianne dominiert wieder

Diese Woche wurde mir dreimal, von zwei Brüdern und der Mutter, mit Nachdruck gesagt, dass ich dominant sei. Zweimal am Montag und einmal am Donnerstag, in abgeschwächter Form. Dreimal wurde mir wortreich nahe gelegt, darüber nachzudenken und mich danach entsprechend zu ändern. Es gab glaube ich auch gleich einige Tipps dazu. Bei soviel Engagement meiner Familie … Weiterlesen

GPS für Mutter

Ich möchte meine Mutter mit einem GPS Sender versehen. Es gibt da so eine topmoderne Uhr für betagte Leute, die ihr Leben selbstbestimmt leben wollen. Ich könnte sie vielleicht sogar an meinen Mac kontrollieren, so wie man dies mit den Bartgeiern und Bären macht. Meine Mutter will keine solche Uhr. Früher gab es das auch … Weiterlesen

Die Welt nicht mehr verstehen

Heute morgen war ich in Zürich. Auf dem Rückweg habe ich einen Zwischenhalt gemacht und  meinen Vater im Pflegeheim besucht. Er schlief friedlich auf einem elektrischen Stuhl, na ja, einem Stuhl, den man elektrisch in alle Lagen versetzen kann auf dem Gang der Station B2. Ich wecke ihn sachte. Er strahlt mich an und ich … Weiterlesen

So nicht, Mutter!

Ob es wirklich das erste Mal ist, dass ich meiner Mutter sage, so könne sie nicht mit mir reden und umgehen, weiss ich nicht. Es fühlt sich jedenfalls so an. Der Anruf war heftig und sie hat den Hörer nach kurzer Vorwarnung aufgelegt. Unmittelbar danach ging es mir richtig gut. Jetzt, zwei Stunden später, stelle fest, dass … Weiterlesen

Luino ade

Heute wollte ich nach Luino. 09.01 Uhr ab mit dem Postauto nach Ponte Tresa, dann mit dem Bus nach Luino, Plazza della Libertà! Nein, ich wollte nicht eine Ledertasche kaufen. Das tun viele Frauen dort, höre ich seit Jahren. Ah, du warst in Luino? Hast du eine Ledertasche gekauft? Die sind dort total schön und … Weiterlesen

Die Erkenntnis kam in Morcote

Gestern war ich den dritten Tag in den Ferien und habe per gemeinsam geführtem Journal erfahren, dass meinem Bruder gelungen ist, was ich bis anhin nicht geschafft habe. Meine Mutter hat einen Schritt gewagt, den sie vor Monaten partout nicht machen wollte. Der Erleichterung und Freude, dass sie diese Hilfe angenommen hat, folgte sofort ein … Weiterlesen