Dä chunnt mer ned is Huus

Mittwoch, 17.30 Uhr, trotz grosser Hitze kann ich es nicht lassen, ich fahre auf den Zopfenberg in die Brombeeren. Aber, oh Schreck, da steht ein Auto vor dem Haus und jemand werkelt im Garten herum. Klauen geht nicht, was tun?

Ich entscheide mich, offensiv zu sein.

Ich steige wieder auf’s Velo und fahre das letzte Stück zum Brombeerbusch, grüsse die Frau im Garten und stelle fest: Sie stutzt, im Schweisse ihres Angesichts, den Brombeerbusch zurück. Uii, uii, bitte nicht zuviel!

Sie denke schon, dass ich Beeren nehmen dürfe, sie pflege halt den Garten. Die neuen Besitzer machen nichts, sie habe auch die schönen Dahlien gepflanzt. Hier habe vor Jahren eine Familie mit fünf Kindern gewohnt, in diesem kleinen Haus. Nette Leute, die den Garten schön gepflegt hatten. Darum macht sie jetzt auch, was sie könne. Es solle einigermassen gepflegt aussehen.

Nach der Familie habe ein Mann im Haus gelebt, der später erkrankt sei. Ich erinnere mich, das war der Mann mit den Bernhardinern. In dieser Zeit ist alles ums Haus verwildert. Man sah es kaum mehr.

Ich beginne zu pflücken …

… während wir miteinander plaudern. Wie das so ist, checken wir, wo wir wohnen, forschen nach gemeinsamen Bekannten, tauschen Haltungen aus, um zu spüren, wer wir sind. Beide mögen wir alte Häuser mit Charakter. Es tut uns leid, dass in diesem Weiler nächstens einiges abgerissen wird. Es könnte noch schöne alte Gegenstände in den Häusern haben, meint sie.

Sie weiss, wo ich wohne, obwohl sie selten unten im Dorf sei. Ihr Mann kenne sich gut aus. Er sei hier aufgewachsen. Auf Grund ihrer Beschreibung ahne, wo ihr Haus ungefähr steht, so Richtung Käsi.

Meine Tupperware füllt sich

Wir reden. Sie hat hier auch Butternut Kürbisse gepflanzt, die ihre Enkeltochter so mag. Daheim sei wenig Platz dafür gewesen. Ich erwähne meine Kürbisse nicht, aber ich habe auch einen Butternut gesetzt. Ich ziehe sie in die Höhe, weiss noch nicht, ob es klappen wird. Sie fragt nach meinem Namen. Steiner! Ob ich die Steiners an der Strasse auch gekannt habe – nein! Das Haus sei ja neu gebaut, was auch doch schon eine Weile her sei. Jetzt wohne die Tochter drin.

Ich frage nach ihrem Namen

Ich bin schon auf dem Sprung, als ich nach ihrem Namen frage. Sie nennt ihn und ich flippe innerlich fast aus: Sie wohnen im Haus mit dem Elefanten? Sofort ist ihr klar, was ich damit meine. Ja, genau, in diesem Haus.

Der Elefant

Mit dem Elefanten verhält es sich so. Seit Jahren walke oder spaziere ich am Haus von Frau R. vorbei. Am 8. Dezember 2013, 14.52 Uhr habe ich das Grautier entdeckt und fotografiert. Ich war mit meiner Schwiegermutter unterwegs, der Elefant frisch, nur leicht staubig vom Heu.

Die folgenden Jahre habe ich ihn immer wieder fotografiert und so seinen Zerfall dokumentiert, bis am 23. September 2018, 11.28 Uhr: Weg war er. Das gab mir einen Stich ins Herz. Was war geschehen? Ich wollte gleich nachfragen, es war jedoch niemand zuhause. Seither beschäftigt es mich jedesmal, wenn ich dort vorbei komme.

Der Entschluss

Vor gut einer Woche, als ich wieder mal nordisch daran vorbei gesteckelt bin, habe ich einen Entschluss gefasst: Ich werde eine kleine Fotodokumentation machen, diese ausdrucken und mit ein paar Worten diesen Leuten schicken und schauen, was passiert. Ich habe mir also den Namen auf dem Briefkasten gemerkt, Familie R. und bin weitergezogen … zu den Brombeeren, von denen ich genascht habe, was das Zeug hält und andertags habe ich von diesen in grossem Stil geklaut.

Dä chunnt mer ned is Huus

Also, zurück zum Geplauder von gestern. Ich erfahre, dass die Frau R. heisst und flippe aus, frage nach dem Elefanten und sie erzählt mir, dass der Sohn diesen von Arbeitskollegen zur Hochzeit bekommen hat. Sie habe ihm gesagt

Dä chunnt mer ned is Huus (der kommt mir nicht ins Haus)

und so wurde er auf das Heugebläse gesetzt, wo er jahrelang ausgeharrt hat. Eine Katze, die nun auch nicht mehr lebe, habe immer auf ihm geschlafen. Geendet hat der Elefant im Feuer, ich glaube, nachdem die Katze gestorben ist.

40 Minuten später …

… bin ich wieder daheim. Mit einem Kübeli Brombeeren und einem lachenden Herzen. Unglaublich, wie spannend so ein ganz gewöhnlicher Alltag sein kann. Bereichert mit vielen kleinen Geschichten und dem Austausch von Dingen, die Frau R. und wichtig sind, setze ich mich an den Tisch und erzähle meinem Liebsten das Erlebte. Und: ich bin zum Kaffee eingeladen, wenn ich die Fotodokumentation bringe, es habe genug Bänkli ums Haus, um Distanz zu halten. Dabei ist doch Nähe entstanden.

Noch was

Vor Jahren habe Frau R. gesehen, wie eine Frau den Elefanten fotografiert hat und sich irgendwie gefreut, dass er wahrgenommen wurde und jemandem offensichtlich gefällt.

Dokumentation des Zerfalls

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