Sonntagsausflug klassisch

Sonntagsauflug klassisch, eine meiner Geschichten, hat es in die Dokumentation Fokus Linn geschafft, auf Seite 29. Ich bin richtig stolz darauf.

Ich auf Twitter

Blogstatistik

  • 16.064 Besuche

Die Welt nicht mehr verstehen

Heute morgen war ich in Zürich. Auf dem Rückweg habe ich einen Zwischenhalt gemacht und  meinen Vater im Pflegeheim besucht. Er schlief friedlich auf einem elektrischen Stuhl, na ja, einem Stuhl, den man elektrisch in alle Lagen versetzen kann auf dem Gang der Station B2.

Ich wecke ihn sachte. Er strahlt mich an und ich biete ihm ein Stück Butterbrezel an. Er nimmt gerne einen Bissen, ich gehe ihm drei. Dann kommen die Nüsse an die Reihe. Er braucht Proteine, hat der Arzt gesagt. Vor dem Migrolino am Bahnhof durchfuhr es mich plötzlich: Er mochte doch immer Nüsse! Er mag sie auch jetzt, nach dreien hat er genug.

Schweigen. Ich komme nicht mehr draus, sagt er. Ich weiss, antworte ich. Schweigen. Ich frage ihn, ob er mit auf einen Spaziergang kommen möchte. Draussen scheint die Sonne. Früher wollte er uns Kinder bei solchem Wetter draussen sehen. Dass er dankend verneint, tut mir im Herzen weh. Ich frage, was ich tun könne, damit er mitkommt. Ich könne nichts tun, lächelt er eher gequält, er wolle nicht. Ich habe die Autorität nicht, die er damals hatte. Ich lasse ihn in seinem Sessel ruhen.

Schweigen. Er möchte auf die Toilette und fragt, ob ich ihm den Weg zeigen könne. Ich helfe ihm aufstehen und er geht automatisch in die richtige Richtung. Er findet den Weg, ohne zu wissen, dass er ihn findet.

Danach möchte er auf sein Bett liegen, bittet mich, ihn zuzudecken und beginnt zu schlottern. Ich bin hilflos. Soll ich jemanden rufen? Ich umarme ihn, halte seine Hände und bekomme eine Wallung. Mein Vater schlottert, während meine Hormone mir einheizen. Das sind Dimensionen! Ich in meiner Zeit, der Menopause, er in seiner Zeit, dem hohen Alter! Ich habe heiss und er kommt nicht mehr draus und sagt, dass er zu nichts mehr nütze ist.

Das stimmt nicht. Du bist mein lieber Vater und das ist und bleibt sehr viel für mich und meine Brüder, sage ich. Er lächelt, du bist meine liebe Tochter und schon habe ich feuchte Augen. Er sagt, ich soll nicht traurig sein.

Willst Du schlafen, sage ich und er antwortet offensichtlich erleichtert, dass dem so sei. Ich verabschiede mich mit einer Umarmung, decke ihn noch einmal gut zu, schaue zurück und schliesse, mit schon wieder feuchten Augen, die Türe.

Samstag, 01. November 2014
www.mariannesteiner.com

Ähnliche Beiträge

Kurz und bündig

Der Alltag ist mein Territorium, der Augenblick mein Universum!


Was ich gut kann

Konstruktive Unruhe stiften! Also: Braucht ihr Unruhe? Bucht mich? Ein Versuch könnte sich lohnen. Referenzen auf Anfrage
Anlässe und Alltägliches fotografieren
Fotos für Websites bereitstellen und Websites bauen
Texte schreiben oder Texte von anderen aufpeppen
Lösungen entwickeln, die Wirkung haben

Kontakt: Nachricht schreiben

Blog abonnieren

Fotos auf Instagram

Weitere Beiträge

Pfingsten




Kategorien

Archive

×