Misophonie – Hass auf Geräusche

Ja, ich leide an Misophonie. Ich weiss das schon lange. Die Bezeichnung dafür allerdings kenne ich erst seit ungefähr 7 Jahren. Seit ich einen Namen dafür habe, rede ich auch mit mehr Leuten darüber und staune: Es wimmelt ja von Menschen mit Misophonie.

Therapie nein – Verantwortung übernehmen schon

Vor drei Wochen hatte ich genug davon – einmal mehr. Lass mich los, Misophonie! Ich entschied mich, eine Therapie zu machen. Surfte, fand schnell eine Therapeutin, die mir passend schien. Ich schrieb ihr eine Mail und erhielt zeitnah einen Termin. Dann konfrontierte ich meinen Liebsten wie folgt:

Ich habe genug von meiner Misophonie. Ich übernehme die volle Verantwortung dafür. Du bist in Ordnung mit all deinen Geräuschen, dass weiss ich mit grosser Sicherheit. Die Geräusche machen mich seit meiner Kindheit rasend. Die Misophonie ist wahrscheinlich damals entstanden.

Mein Ankündigung löste so gute Gespräche zwischen uns aus, dass ich mich drei Tage später von der Therapie abmeldete: Wir schaffen das zusammen, mit Humor und Kommunikation!

Misophonie ist keine Krankheit, habe ich von meiner Krankenkasse erfahren. Noch nicht, sage ich, denn: Weltweit leiden anscheinend zwischen 6-20% Menschen daran. Was für ein Markt! Unwiderstehlich. In ein paar Jahren gelte ich bestimmt als krank – falls ich mich bis dann nicht von diesem Übel befreit habe.

Die Misophonie ist in den Medien angekommen

Seit einigen Tagen ist die Misophonie ein grosses Thema bei SRF. Drei Beiträge dazu sind zur Zeit online. Einer davon ist jener von Einstein. Dieser hat mich zum Schreiben dieses Beitrages animiert.

Es ist verrückt. Seit ich mich erinnern kann, bin ich alleine mit meinem Hass auf gewisse Geräusche. Ich leide mal mehr, mal weniger, mal gar nicht. Und nun macht Einstein einen Film dazu – ziemlich witzig aber, zum Glück auch ernst denn: Es ist echt nicht zum Lachen, wenn man einen Hass auf bestimmte Geräusche hat – man lese in Foren, Gruppen und Kommentaren.

Mittlerweile habe ich auch eine interessante Website gefunden und eine CD für progressive Muskelentspannung bestellt, erhalten und schon einmal Anfängerentspannung gemacht – 39 Minuten. Hätte nie gedacht, dass ich solange durchhalte. Ehrlich, es war toll, einfach super.

Ich und die verhassten Geräusche

Seit ewig und am meisten hasse ich Kaugeräusche. Ich fühle mich diesen ausgeliefert. Sie dringen einfach in mich ein. Dabei ist klar: Meine Mitesser und Mitesserinnen mampfen wahrscheinlich normal – glaube ich jedenfalls. Sicher, es gibt auch welche, die richtig gruusig schmatzen – schrecklich!

Beim Pendeln im Zug

Ich erlebte hemmungslose Schmatzerinnen beim Pendeln: Sie stocherten morgens versonnen in ihren Müelis, glotzten auf ihr Handy, kauten laut, selbstvergessen und schmatzig, als wären sie allein auf der Welt. Manchmal ergriff ich die Flucht, manchmal rettete ich mich unter den Kopfhörer und schloss die Augen, um die malmenden Kiefer nicht anschauen zu müssen.

In der Familie

Als Kind flippte ich innerlich aus, wenn meine Brüder, der Vater oder der Grossvater schmatzen und meine Brüder wussten: Wenn wir mit den Fingern pöperlen, mein Zweites gehasstes Geräusch, rastet sie aus – tja, heute noch, jedoch für die meisten unmerklich, für meinen Liebsten leider nicht. Er ist eh zu bedauern mit so einer Mimose. Nun, er hat ja auch seine Macken – zum Glück.

Trigger und ab geht die Post

Wann und wo auch immer diese Misere ihren Anfang nahm, sie hat sich in meinem Gehirn festgekrallt und wenn getriggert wird, läuft das Programm frisch fröhlich über die Bühne:

Ich werde unheimlich wütend und aggressiv, wobei ich es nie wage, das ganze Ausmass der Wut raus zu lassen oder zu zeigen. 

Diese enorme Energie läuft sich in mir drinnen zu Tode, was mir sicher nicht gut tun. Aber, es ist zum Glück nicht immer so heftig. Jetzt, im Winter, hockt man halt mehr aufeinander – ihr wisst, was ich meine.

Was tu ich und was ich vor habe?

  1. Ich schliesse beim Kauen zwischendurch die Augen und höre meinen eigenen Kaugeräuschen zu. Das wirkt Wunder: Ich esse langsamer und geniesse es mehr und ich höre die Geräusche anderer nicht mehr.
  2. Ich belebe meine innere Gruppe – heute sagt man: Mein inneres Team und bei mir ist es eher eine innere Horde. Sie hat mir schon oft geholfen. Leider vergesse ich sie jeweils wieder, wenn alles rund läuft. Mehr davon weiter unten.
  3. Ich beschäftige mich mit Entspannungstechniken, die man schnell in einer prekären Situation anwenden kann. Ich versuche achtsamer zu sein – ohne Kopfstand oder Schmetterling, wohlverstanden.
  4. Ich mache die Clownin. Ich spiele und verstärke die Situationen zusammen mit Fredu, so dass ich darüber lachen kann und er auch.
  5. Ich nutze meine lieben Kopfhörer – zum Glück bin ich an sie gewohnt und mag es, so Musik oder Podcast zu lauschen.

Das Konzept des inneren Teams – für mich: meine innere Horde

Das innere Team ist ein Konzept von Schulz von Thun. Woher ich mein Wissen der inneren Gruppe habe, weiss ich nicht mehr – wohl irgendwann anfangs 1980iger. Jedenfalls unterhält sich meine Horde – nicht alle Gestalten, die da vorkommen, sind zivilisiert – etwa wie folgt:

Ausgangslage: Ein Mensch schmatzt oder atmet laut durch den offenen Mund

  • Die wilde Horde: Feind in Sicht. Auf ihn mit Gebrüll. Packt ihn, würgt ihn, bringt ihn zum Schweigen.
  • Die Vernünftige: Goht’s no. Was söll das? Sind wir im Krieg? Sehe weit und breit keinen Feind.
  • Die wild Horde: Bringt diesen Mund zum Schweigen – sofort! Attacke!
  • Das innere Kind: Schluchz, schluchz, bitte aufhören mit dem Geschmatze, warum wollen mich alle ärgern? Bitte, bitte, nicht mehr machen.
  • Die Vernünftige: Nanana, du bist doch jetzt erwachsen. Nimm dich gefälligst zusammen.
  • Die wilde Horde: Ok, wir hauen ab, lasst einfach alles stehen, raus und knallt die Türe hinter euch zu.
  • Die Clownin: Hahahaha, ihr spinnt ja alle, was ist das für ein Aufruhr. Schaut euch mal selber zu.
  • …..

Das Spiel mit der inneren Gruppe oder Horde hilft. Es lenkt ab und bewirkt, dass ich mich entspanne. Es bringt mich innerlich zum Lachen und beschwichtigt die wilde Horde.

Entscheidend ist wohl, dass ich die unliebsame Situation so selber steuern kann. Ich gestalte sie so, dass sie mich nicht mehr in Rage bringt - das tut sehr gut.

Warum verrate ich, dass ich an Misophonie leide?

Als ich den Einstein Film geguckt habe und am Schluss gesagt wurde, man solle doch in die Kommentare schreiben, wollte ich dies gleich tun.

Dann habe ich mich umentschieden und gedacht, ich investiere mehr Zeit und schreibe darüber, auch über von mir erprobte Bewältigungsstrategien. So bringe ich mich wieder auf Kurs – damit ich nicht doch in die Therapie muss 😉 Und: Vielleicht inspiriert mein Beitrag eine still leidende Misophonikerin zu einem kreativen, helfenden Umgang damit – Misophoniker sind mit gemeint.

Als ich etwa in der Mitte des Beitrags angelangt war, dachte ich: Du spinnst. Warum Leuten davon erzählen? Es ist irgendwie demütigend. Warum mir das antun?

Tja, mit dieser Fragerei löse ich einen Zwist in meiner inneren Gruppe aus. Die Sozialpädagogin in mir findet, man muss darüber reden. „Du willst dich nur wichtig machen!“ sagt eine andere Stimme. Da innere Kind weint in einer Ecke und hat Angst, entdeckt zu werden. Mein Stolz sagt: „Spinnst du, so etwas preis zu geben“ …..

Und du, liebe Leserin, lieber Leser? Wie hast du es mit der Misophonie?

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