Schutzlos -no protection!

Um die Weihnachtszeit herum werde ich manchmal besonders ruppig. Mein Blick ruht kritisch auf uns, den Menschen in der westlichen Welt. Ich sehe die Kontraste besser und erzähle dies auch allen, die mir über den Weg laufen. Zurzeit sind das nicht viele. Brigitte und Noella zum Beispiel. Ich habe sie gefragt, ob sie je vom Interniertenstraflager im Wauwilermoos gehört haben, schliesslich ist Brigitte im Moos aufgewachsen. Sie wusste nichts, Noella auch nicht. Das bestürzte mich. Zumindest sie, die bald 17 jährige, hätte im Geschichtsunterricht etwas davon erfahren sollen. Nun, ich wusste auch nichts davon, bis ich kürzlich das DOK „Notlandung“ geschaut habe in der neuen Play Suisse App.

Eigentlich war ich aber auf einen Weihnachtsspaziergang. Am See, praktisch allein, mit Wind und etwas Regen im Gesicht – wunderbar, ich liebe das. Auf dem Weg kurz bei Brigitte vorbeischauen gehört dazu, draussen bei den Hühnern stehen und plaudern. Und dann rutscht mir das mit dem Interniertenstraflager raus. Kann ich etwas dafür? Brigitte erzählte mir, dass sie mehrere Kilo Rüebli erhalten hat – ausgestochen bei der Strafanstalt Wauwilermoos. Ähm falsch, heute heisst sie ja „Justizvollzugsanstalt Wauwilermoos“. Wie auch immer, dort war ein Interniertenstraflager, wo Menschen schutzlos dem Regime von Lagerkommandant André Béguin ausgeliefert waren. Surft mal danach.

Mit zwei zusätzlichen Masken zu meiner Fotosammlung komme ich heim. Ich bin in der richtigen Stimmung, die Idee von Fredu, etwas mit meinen Maskenfotos zu machen, umzusetzen. Ich hocke mich an dem Mac pröble mit mehreren Apps herum bis ich die Diashowfunktion in „Fotos“ finde. Dann geht die Post ab. Technisch alles gemeistert, ich zeige meine erste Version Fredu und er sieht sofort: Es braucht einen anderen Titel, sanftere Musik und weichere Übergänge. Er sieht, was ich nicht sehe, er sieht „schutzlos“ und das holt mich mit einem Schlag aus meiner ruppigen, kritischen, leicht spöttischaggressiven Stimmung herunter. Ich bin bereit für den heiligen Abend, offen für alle Arten von Gefühlen und Erinnerungen, ich, Mensch der westlichen Welt mit ihren Widersprüchen und Spannungsfeldern.

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