Sie hat den Hörer aufgelegt – meine Mutter

Montag, 14. Juli 2014

Sie hat einfach den Telefonhörer mit Nachdruck aufgelegt und ich bin dadurch in wenigen Sekunden zum Kind geworden. Das war Samstag vor einer Woche. Ich arbeitete dann gleich daran, auf Distanz zu gehen.  Schliesslich bin ich 55 Jahre alt. Vergebens! Ich habe gelitten wie blöd.

Es  war schon immer so, jetzt muss ich wieder zu Kreuze kriechen. Nein, ich werde nicht zurückrufen, nein, auch wenn sie jetzt eine alte Frau ist. Es war schon immer so, wenn ich etwas sage, das ihr nicht passt, dann wird sie wütend und ich werde bestraft!

Am Sonntagabend spät finde ich eine Mitteilung auf dem Beantworter. Es tue ihr leid, mehr könne sie nicht sagen. Es sei manchmal einfach schwer.  Tut gut, das zu hören. Ich werde ruhiger, entspanne mich. Fühle mich wieder etwas erwachsener, obwohl meine Entspannung ein Zeichen von Abhängigkeit ist. Ich wäre lieber aus mir heraus in solchen Situationen total cool!

In Sicherheit gewiegt rufe ich am Montag abends an. Ich will nachfragen, ob sie getan hat, was getan werden musste. Das führt dazu, dass es kommt, wie es kommen musste. Wir geraten einander wieder in die Haare, ich rufe noch, sie solle ja nicht auflegen – schon geschehen! Ich bin ausser mir vor Wut.

„Hier ist Deine böse Mutter!“ – Dienstagabend! Sie lacht. Ich sage, es sei unerträglich für mich. Ich klage ihr mein Leid, erzähle, wie ich versuche, es einfach abzuschütteln. Sie gibt mir Ratschläge. Ich soll es einfach bei einen Ohr reinlassen und beim anderen wieder raus, wenn wir streiten. Manchmal sei alles zuviel für sie. Der Vater, der nichts mehr tut, nicht mehr redet und alles vergisst. Es sei schlimm, den Partner noch zu haben und doch allein zu sein, alle alltäglichen Entscheidungen selber treffen zu müssen.

Wenn Du mir das nächste mal den Hörer auflegst, werde ich nicht mehr anrufen. Du musst es dann als erste tun, sage ich ihr. Das soll ich ihr schriftlich geben, erwidert sie lachend.

Was für eine Frau! Meine Mutter, über achtzig, immer noch wild, kämpferisch, stur und mit diesem Humor, den ich als Kind so nicht kannte. Ich begreife es irgendwie. Vielleicht werde ich durch solche Geschichten und Gespräche vollends erwachsen. Wer weiss.

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