Tut es der Zeit weh, wenn sie erfasst wird?

Heute ist der erste Morgen, des letzten freien Montags, nach einem freien Wochenende! Kaffee getrunken, die Katze auf der Armlehne des Sessels, wie immer iPad mit der Zeitung und der SRF-App auf den Knien. Das dominante Thema ist immer noch Covid-19. Heute dürfen Grosseltern wieder Enkel umarmen und heute gibt es auch Setzlinge im Gartencenter.

Ich warte zu. Vor einem Monat habe ich alle Samen, die ich noch hatte, in Töpfchen mit Erde gesteckt. Mittlerweile habe ich Setzlinge: Kürbisse, Bohnen, Zucchetti gelb und grün, Basilikum, Kopfsalat, Radieschen, Rüebli – fast alles hat gekeimt und wächst. Sogar die Kartoffeln wachsen. Eigentlich hatten wir sie vor dem Lockdown zu Rösti verarbeiten wollen, sie schlugen jedoch aus, so dass ich sie zur Strafe im Hochbeet vergrub.

Meine Haare könnte ich ab heute auch schneiden lassen. Habe jedoch im Home Office Geschmack an der Verwilderung gefunden. Die wird eh bald eintreffen, die Verwilderung. Am 1. Mai habe ich nicht frei, nein, dann beginnt meine Frühpension, wie man im Volksmund sagt.

Ich will wissen, wer ich auch noch bin und was ich mit der Zeit mache, wenn diese am Stück und offen vor mir liegt.

Seit dem Eintritt in den Kindergarten mit 5 Jahren, kümmert sich eine Institution um die Einteilung meiner Zeit. Die Stunden, Tage und Wochen werden in Happen und Häppchen fragmentiert. Jede Portion Zeit hat einen offenen oder verborgenen Zweck, auch die freien Tage.

Ferien werden durch die Erwerbstätigkeit definiert und sind per Gesetzt für die Erholung von der Arbeit gedacht. Mein letzter Ferientag war der 17. April 2020. Ich habe auch ihn, wie die letzten rund 500 Stunden dieses Jahres, feinsäuberlich in meine Zeiterfassung eingetragen.

Diese Woche arbeite ich noch 10.75 Stunden, dann bin ich auf Null, das Soll 2020, 511.56 Stunden wird erfüllt sein und meine Erwerbstätigkeit beendet, fällt weg, lässt mich allein mit meiner Zeit und der Suche nach dem, was da auch noch sein könnte.

Tut es der Zeit weh, wenn sie erfasst wird?

… frage ich mich, nach 43 Jahren und 7 Tagen Erwerbstätigkeit zum ersten Mal.

Zu meinen letzten Blog für die Suchtprävention Aargau: Eifersucht, Aufmerksamkeit und Abschied

2 Gedanken zu „Tut es der Zeit weh, wenn sie erfasst wird?“

  1. Danke, liebe Marianne
    Deine geistreichen Texte lese ich immer mit Vergnügen!
    Für deine baldige Pension alles Gute, bleib neugierig und gesund!
    In gut zwei Monaten bin ich auch im Unruhestand, natürlich freue ich mich sehr!
    E liebe Gruss peter

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