Zum Schwimmen braucht man bekanntlich nicht unbedingt Wasser. Es geht auch anders. In meinem Fall schwimme ich in einem Akkordeonorchester, genauer im Handorgelclub Staffelbach. Dass das geht, wusste ich bis vor Kurzem nicht.
Die Geschichte beginnt am 26. Juni. Ich koche. Kurz vor Mittag meint Fredu, in der Hand der aufgeschlagene Woche-Pass: Das wäre vielleicht etwas für dich. Ich lese und tausend Sachen gehen mir durch den Kopf wie: Soll das ein Witz sein? Er findet übende Akkordeonspielerinnen einen Greuel.
In mir hingegen erwacht ein grosses JA. Das Projekt ist wie gemacht für mich. Ausweichen ist keine Option. Wenn wieder Handorgel, dann jetzt. Und, es war kein Witz von meinem Liebsten.
Das Inserat: Akkordeonspiler*innen für Projekt gesucht

24 Stunden später bin ich angemeldet – auf ins Abenteuer. Schliesslich besitze ich eine hübsche Beltuna und habe damit auch gespielt, genauer gesagt, geübt im Sinne von: Üben, in die Stunde, üben, in die Stunde, üben, in die Stunde – mehrere Jahre, ich, allein. Herausgekommen ist nicht viel, was andere Ohren, insbesondere die von Fredu, erfreut. Jeder Fehler sitzt, ist laut und hörbar, durch alle Wände hindurch – mit der Handorgel!
Ich selber hatte mehrheitlich Spass daran, bis ich 2010 durch eine Querschnittsmylitis lahm gelegt wurde, gefolgt von Bandscheibenproblemen. Als 2013 alles allmählich wieder funktionierte, liess ich das Akkordeon links liegen und vernarrte mich im November 2017 in eine Ukulele. Seither jamme und singe ich fast jeden Dienstag mit viel Freude.
Das Abenteuer
Es ist einfach super. Ich lebe mein Leben auf dem Bauernhof mit Fredu und den zwei Katern Smo und Mogli und kein Mensch sieht es mir an aber: In mir ist soviel los und es ist so aufregend, ein Abenteuer der besonderen Art.
Nach dem Anmeldeschluss am 7. Juli habe ich per Mail Noten von der Präsidentin des Handorgelclubs bekommen. Ich solle mal schauen, welche Stimme ich spielen möchte. Klimper, klimper … was sind denn das für Stücke? Ich kenne keine einzige Melodie ausser „Atemlos durch die Nacht“, vom Radio her. Youtube hilft: Schlager und Ländler sind es! Uiuiuiuiui!
Was soll’s, bin ja auch seit 3 Jahren in einer Jodelgruppe, was ich mir nie und nimmer hätte vorstellen können. Ausserdem, den Libertango von Astor Piazolla habe ich eh nicht auf die Reihe gekriegt mit üben, in die Stunde, üben, in die Stunde, üben, ….
17. September: 1. Probe im Orchester
Mit 66 Jahren, 5 Monaten und 3 Tagen spiele ich zum ersten Mal in einem Orchester – Explosion, noch nie sowas erlebt! Vor Schreck und Staunen vergesse ich alles, sogar die Betätigung des Balges und beim Akkordeon geht ohne Luft gar nichts – mir blieb die Luft wohl auch weg, kann mich nicht mehr erinnern – Amnesie. Was ich hingegen gut erinnere ist, dass es mich tief berührt hat, Schlager und Ländler hin oder her. Der Libertango hätte es nicht besser machen können. Mir sind sogar die Tränen gekommen: Wie konnte ich mein Instrument so lange links liegen lassen? Und: Es tönt sooo schön!
Fazit nach der 4. Probe
Wie soll ich das nun sagen. Ich überschreite Grenzen, wie das schon mit der Ukulele war. Im Ukujam habe ich gelernt, dass Fehler vorkommen und gar nicht schlimm sind. Es tönt zwar banal, aber wenn man wie ich von klein auf gelernt hat, dass Fehler unbedingt zu vermeiden sind, weil man sonst nicht gut genug ist, ist das halt sehr befreiend, Fehler zuzulassen. Ihr wisst was ich meine?
Nach den ersten 4 Proben bin ich ganz offen zum Lernen: Ich schreibe Fingersätze in die Noten, mache Notizen, studiere die Notenabstände, schaue beim Spielen voraus, wiederhole, übe, gebe Tempo, spiele die Stücke mit der App Anytune Pro zusammen, beachte die Zeit, die Takte, studiere die Notenlängen, … und mache Fehler und es ist mir egal, wenn Fredu die hört.
Wir haben vereinbart, dass er es mir sagen kann, wenn es zu viel wird – ich passe mich nicht schon im Voraus an, wie ich es früher getan hatte. Vermeiden, dass ich störe, vermeiden, dass man Fehler von mir hört, unauffällig sein, keine Rüge riskieren, nichts fallen lassen, Lichter immer grad löschen, Türen zu und Schlüssel legen … die Verarbeitung der Prägungen aus der Kindheit nimmt einen weitern Anlauf und es tut so gut.
Weiter als in die Ferne fliegen
Ich bin auf Reise und doch bin ich da, zuhause. Kein Mensch sieht es mir an, der Alltag wickelt sich ab, die Sommerzeit ist vorbei, es ist kalt und stürmt, es regnet, zurzeit bricht die Sonne durch, ich werde bald eine Kabis-Spinat Quiche backen, später vielleicht noch einen Lebkuchen, nachmittags wahrscheinlich ins Fitness, dann nordisch walken, Blätter rechen und abends in den Ukujam. Ich bin auf Reise, ich erlebe etwas Aussergewöhnliches, es verändern sich Dinge in mir, es lebt. Juhu.
Die Konzerte
Am Ende des Projekts gibt es zwei Konzerte, am 12./13. Dezember 2025 – ich spiele bei 5 Stücken mit, ist geplant. Geht das? Schlager, gute Laune Abend, volkstümlich und MARIANNE? Klar, warum nicht, ich bin auf Reise, ich überschreite Grenzen und bewege mich in Bubbels, die neu für mich sind und es ist spannend, interessant, berührend und Iren, die am Bass ist, kommt mit mir an denMäusekurs – Mäuse, velofahren und Quitten verbinden uns. Es wir noch mehr Verbindungen geben, da bin ich mir sicher, mit ihr, mit den anderen mit was auch immer auf mich zukommt.
P.S. Rumpf stabilisieren
Die Dirigentin hat an der letzten Probe gesagt, wir sollen den Rumpf stabilisieren und die Passage nochmals spielen – wau, das wirkt. Ich habe fast laut herausgelacht. Rumpf stabilisieren beim Singen, Jodeln, Ukulele spielen, bei Schnörregigele und im Gym, sowie beim walken, velofahren, spazieren und im Pilates. Mein Rumpf ist gefordert, die Bandscheiben halten sich still.