Gucken ob geguckt wird

Sie sieht aus wie eine Influencerin. Lange schlanke Beine, langes blondes Haar, cool, ihrer Wirkung bewusst, etwas zu dünn vielleicht. Sie steht am Aarestrand, räckelt sich, fährt sich durch die Haare, guckt ob geguckt wird. Ihre Kollegin zückt ihr Smartphone, während sie, die Blonde, verschiedene Posen einnimmt. Ein junger Mann liegt scheinbar indifferent neben den beiden auf seinem Badetuch.

Derweil bauen wir uns auf, wir, die Ukulele Jam Gruppe vom Dampfschiff in Brugg. Im Sommer jammen wir oft an der Aare und die meisten von uns haben mehr oder weniger graue Haare, etwas Hüftfett, einen kleinen Ranzen, Krampfadern vielleicht – ich jedenfalls. Sicher sind wir eine farbenfrohe Truppe.

Gut wieder hier zu sein

19.00 Uhr, die Ukulelen sind gestimmt, wir höckeln da, vor unseren Notenständern und mit offensichtlich viel Freude am Dasein. Das erste Lied erklingt: Gut wieder hier zu sein von Hans Wader. Ich fühle, was wir singen: Es ist gut da zu sein, wieder am Fluss nach dem Lockdown. Einige Kolleg_innen habe ich seit Mitte März nicht mehr gesehen. Meine Ukulele ist in Stimmung, die Finger geschmeidig und ich singe aus voller Brust.

You are my sunshine

Die Gruppe um die schöne, coole Blonde hat sich vergrössert. Zwei Junges liegen nun da und eine weitere junge Frau ist dazu gekommen. Eine richtig üppige Saftwurzel in kurzen Jeans.

You are my sunshine, singen wir, als ich bemerke, dass sich die Girls zu unserer Musik bewegen. Sie tänzeln, schwingen die Hüften, hantieren mit ihren Smartphones. Die Blonde schüttelt ihre Mähne zurecht und bändigt diese mit einem neckischen Kopftuch.

Meiteli wenn du wett go tanzä

Die junge Frau, die zuvor ihre langbeinige Freundin fotografiert hat, singt den Refrain mit und lacht mich an. Wau, ich bin in Kontakt und spüre, wie mich dies inspiriert. Ich drehe mich, damit ich den Draht zu ihr besser halten kann. Ich bin ganz dabei. Ich spiele für junge Leute, die sich berühren lassen – mit Smartphones in den Händen, coolem Gehabe und einer Flasche Weisswein, die die Runde macht – glaube ich jedenfalls zu sehen.

Boat on the River

Damit ich nichts verpasse, bleibe ich in Bewegung. Ich wende mich mal dem Jam zu, dann wieder den Girls und Boys am Fluss. Nun macht einer der Jungs mit einer der jungen Frauen sowas wie Linedance im Rhytmus von „Boat on the river“ und hops, sie springen synchron in den Fluss – Köpfler und tauchen ab. Weg sind sie.

Jamaica Farewell

Sounds of laughter ev’ry where .. oho, was jetzt drüben am Fluss passiert ist grenzfällig. Das eher üppige Mädchen öffnet ihre kurze Jeans und beginnt mit lasziven Hüftbewegungen andeutungsweise die Hose über die Hüfte zu ziehen. Nur kurz, ganz schnell. … Fish are dancing ev’ry where and the fun is fine any time of the year. Mein Herz hüpft. Ich liebe den Song und ich liebe die Stimmung, den Übermut des Jungvolkes und den Kontakt zu uns, zu mir, durch unsere Musik, durch die Ukulelen, denen das sicher gefällt – sie haben nämlich eine Seele, da bin ich mir sicher und sie mögen es, wenn die Post ab geht.

Luegit vo Bärg und Tal

21.00 Uhr, das letzte Lied klingt aus. Ich schaue um mich und realisiere, dass da noch andere Leute sind, die stehen bleiben und ein Ohr voll Ukulelejam nehmen. Während der ganzen zwei Stunden war ein Kommen und Gehen. Kinder die in ihrem Spiel inne halten und lauschen … flieht scho de Sunnestrahl … Stärnli, lieb’s Stärnli guet Nacht.

Gucken ob geguckt wird

Es ist schon sehr schön, wenn man beachtet, gesehen und wahrgenommen wird. Mir gefällt es jedenfalls und die jungen Leute genossen dies auch, das war klar – auf ihre Art halt, mit dem Smartphone aber durchaus auch analog, ganz normal am Strand der Aare im Geissenschachen an einem gewöhnlichen Dienstagabend im Juli 2020.

8 Gedanken zu „Gucken ob geguckt wird“

  1. Liebe Marianne
    Dir mal ein herzliches Dankeschön für deine Texte. Ich lese sie immer gerne und staune was du alles beobachtest: Mal zum Schmunzeln, mal zum Nachdenken, traurig und fröhlich wie das Leben halt so ist. E liebe Gruss peter

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